Sieben Gründe, warum sich Freelancer unter Wert verkaufen

Der Kaffee mit der Kollegin bringt es an den Tag: „So viel verlangst Du? Das zahlt doch niemand!“, so ihr Ausruf. Begleitet wird dieser von einem entsetzten Blick, der Bände spricht. Sie ahnen es vielleicht: Jene Kollegin, ebenfalls eine freiberufliche Übersetzerin, verkauft sich weit unter Wert. Trotz mehrjährigem Studium, staatlicher Prüfung, teuren Fortbildungskursen, seltenen Wörterbüchern und nicht gerade günstigen Computerprogrammen.

Es ist schlimm, dass es Kunden mit einer Geiz-ist-geil-Mentalität gibt. Noch schlimmer ist es jedoch, dass es Freelancer gibt, die sich darauf einlassen: Nicht wenige Freelancer verlangen, so meine Erfahrung, sogar so niedrige Sätze, dass sie davon gerade mal die Kosten für die eigene Krankenversicherung bestreiten können (oder auch nicht!). Doch warum verkaufen sich viele Freelancer immer wieder unter Wert? Zu Preisen, die nicht einmal ihre Lebensführung decken? Antworten und Spekulationen darüber gibt es viele. Zu den wichtigsten Gründen gehören sicherlich folgende:

  1. Grund: Freelancer, die aus finanziellen Gründen nicht arbeiten müssen

Wer als Freelancer zu niedrige Honorare anbietet, kann mehrere Gründe dafür haben: Besagte Kollegin, die für einen recht geringen Wortpreis übersetzt, müsste – aus finanziellen Gründen – eigentlich nicht arbeiten. Ihr Mann bestreitet das Familieneinkommen größtenteils, sie übersetzt jedoch gerne und will „einfach im Geschäft bleiben“, wie sie sagt. Entsprechend fällt ihre Kalkulation aus.

  1. Grund: Anfänger verlangen oftmals geringere Honorare

Ein anderer Grund, warum sich Freelancer unter Wert verkaufen, könnte sein, dass sie – beispielsweise als Existenzgründer – bislang kaum Aufträge haben. Solche Kollegen sind nicht selten froh um jedes Angebot, um ein wenig Erfahrung zu sammeln. Es ist fast ein kleiner Teufelskreis: Je mehr Erfahrung man mitbringt, desto lukrativere Projekte kann man als Freelancer an Land ziehen. Doch das Erfahrungskonto muss erst einmal aufgestockt werden – und ganz ohne Erfahrung kommt man nur schlecht an Aufträge. Aber: Die Newcomer-Kollegen verlangen zwar niedrigere Honorare, doch bleiben wir fair und erinnern uns einfach an unsere eigene Anfangszeit. Haben wir damals höhere Honorare mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie heute ausgehandelt? Wohl eher nicht.

  1. Grund: Schlecht bezahlte Projekte sind besser als gar keine („Leerlauf“)

Ich kenne Kollegen, die auch schlecht bezahlte Projekte annehmen, wenn sie gerade Leerlauf haben. Nach dem Motto: Lieber irgendeinen (notfalls auch schlecht bezahlten!) Auftrag, als gar nichts zu tun. Nein, liebe Kollegen, dann doch eher die eigene Website neu gestalten, die Kunden-Datenbank ausmisten oder einen eigenen Blog starten. Oder einfach mit den Kindern ein Eis essen gehen. Mit extraviel Sahne. Alles ist besser, als Projekte zu Dumping-Honoraren anzunehmen – denn beim gleichen Kunden kommt man aus der Nummer nicht mehr raus. Das würde dann so klingen: „Ich habe neulich nur für so wenig Geld gearbeitet, da ich keine weiteren Aufträge hatte – und jetzt hätte ich gerne mein Standard-Honorar von Ihnen“. Zudem würden Sie sich selbst zeitlich blocken mit einem Dumping-Auftrag und müssten dann einen besseren Auftrag anlehnen, da Sie keine Zeit hätten – was doppelt ärgerlich wäre!

  1. Grund: Herzensprojekte, die man für Mini-Honorare annimmt

Dann gibt es auch Kollegen, die für wenig (oder gar kein) Geld arbeiten. Einfach, da es sich um eine Herzenssache handelt: Es gibt Kollegen, die für Flüchtlinge dolmetschen oder Journalisten, die über ein Herzensthema berichten, dass sie notfalls in einer Lokalzeitung veröffentlichen (im Klartext bedeutet das, dass sie für einen Artikel – inklusive Recherche und Reisekosten – oftmals nur 30 EUR bekommen). Dafür wird der Artikel gelesen und das Thema publik, daher willigen die Journalistenkollegen ein.

  1. Grund: Aufträge aus Prestigegründen annehmen

Die Leidenschaft für ein Thema wird umgekehrt auch gerne ausgenutzt: Es gibt durchaus Reisebuch-Verlage, die einfach auf die Reiselust ihrer Autoren setzen und diese für drei, vier Monate Arbeit plus Recherchekosten (Reisen, Restaurantbesuche, ect.) mit null Honorar (!) und der Aussicht auf acht Prozent vom Ladenverkaufspreis abspeisen. Frei nach dem Motto: „Zahlen können wir nicht, aber es findet sich sicher jemand, der gerne reist und das Buch einfach aus Prestigegründen oder Freude annehmen wird“. Keine Frage, solche Autoren gibt es. Man muss jedoch auch fair sein und sagen, dass es viele Verlage gibt, die angemessen zahlen.

  1. Grund: Andere Länder, andere Lebenshaltungskosten

Ein weiterer Grund, warum sich Freelancer oftmals unter Wert verkaufen, kann auch geografische Ursachen haben: Vielleicht lebt der Freelancer in einem Land mit deutlich geringeren Lebenshaltungskosten? Etwa als so genannter digitaler Nomade, der einen Reiseblog am Strand von Thailand betreibt und dort in einer bescheidenen Hütte lebt? Oder eine Übersetzerin, die in den Weiten Sibiriens ein eigenes Haus besitzt und ihren Bedarf zum Leben anders als ihre Kollegin in München kalkulieren kann, da für sie der Posten „Miete“ keine Rolle spielt.

Gerade im Übersetzerbereich ist die globale Konkurrenz groß und mit dem Aufkommen von Freelancer-Auftragsportalen wie www.proz.com oder www.translatorscafe.com hat sich die Situation sicher noch einmal verschärft. Es gibt dort Kollegen in anderen Ländern, die die gleichen Dienstleistungen – für einen Bruchteil der eigenen Honorare anbieten. Hier hilft es gegenüber Kunden nur, mit der eigenen Qualität zu überzeugen (z.B. „Ich verwende das Vieraugenprinzip und arbeite nach ISO-Norm xx“).

Aber: Generell zu verteufeln sind solche globalen Auftragsbörsen nicht, denn zum Netzwerken mit den Kollegen – wenn man mal eine Frage stellen möchte oder die Bedeutung eines Wortes nicht kennt – sind sie ideal. Und natürlich, um die Preise der Konkurrenz im Auge zu behalten. Und die sind manchmal leider ganz schön ernüchternd. Let`s network!

  1. Grund: Die eigenen Lebenshaltungskosten falsch einschätzen

Nicht zuletzt gibt es sicherlich auch Freelancer, die ihre Lebenshaltungskosten einfach zu niedrig kalkulieren. Die Kalkulation sollte dabei nicht nur die eigenen Lebenshaltungskosten umfassen (Kernfrage: „Wie viel brauche ich zum Leben, also alle Kosten, inklusive Privatausgaben, Miete, Auto, monatliche Fixkosten für den Frisör und das Fitnessstudio …“), sondern auch den Gewinn (was viele Kollegen gerne vergessen!). Der Gewinn muss unbedingt „on top“ auf die Kalkulation aufgeschlagen werden, um am Monatsende nicht mit einer positiven Null dazustehen, getreu dem Motto: „I am Freelancer, but I do not work for free!“.

Click Here to Leave a Comment Below 0 comments

Leave a Reply:

Ein guter Freelancer sein? Wir helfen.

Bleiben Sie am Ball und verbinden Sie sich mit einer großen Community!