„Vier Sekunden für einen Nebensatz“ Besser vortragen und verhandeln: Unser Experteninterview

Womit kann ich meine Zuhörer bei einem Vortrag fesseln? Und wie bleiben meine Worte im Gedächtnis? Rhetorik-Experte Uwe Pache verrät im Interview mit dem Freelancer-Blog die besten Tipps, wie man Vorträge perfekt meistert – und dabei beim Publikum im Gedächtnis bleibt.

Der Freelancer-Blog: Herr Pache, Sie haben gerade ein ziemlich umfangreiches Handbuch mit dem Titel: „Souverän um Erfolg: Perfekt vortragen und verhandeln“ veröffentlicht. 742 Seiten! Das ist wirklich ein beeindruckendes Wissen! Können Sie unseren Lesern vielleicht ganz knapp erklären, worauf man bei einem guten Vortrag achten sollte?

Uwe Pache: Ein wirklich guter Vortrag sollte flüssig, fesselnd, lebendig, anschaulich und präzise sein. Der Zuhörer sollte nach dem Vortrag das Gefühl haben: Hier lerne ich etwas, hier habe ich etwas mitgenommen, was ich für mein späteres Leben gut gebrauchen kann. Neben einer sprachlichen Darbietung muss also auch ein Nutzwert stehen. Der Redner sollte möglichst frei sprechen, und nur wenig aufs Blatt bzw. die Karteikarten schauen. Allerdings rate ich von der völlig freien, improvisierten Stegreifrede ab, insbesondere wenn die Redezeit länger als drei Minuten ist. Denn dann läuft man Gefahr, nicht das zu sagen, was man eigentlich sagen wollte, sondern nur hohle Phrasen zu dreschen.

Wie bereitet man sich in der Praxis optimal vor?

Zunächst sollte ich erkunden, wie viel Redezeit mir zusteht. Anhand der Redezeit lässt sich dann der tatsächliche Arbeitsaufwand bestimmen. Dann sollte ich mich fragen, was ich mit meiner Rede erreichen will. Möchte ich, dass die Leute von den Sitzen springen oder sie nur informieren? Eine gründliche Einarbeitung ins Thema ist notwendig. Wichtig ist aber auch, sein Publikum genau zu kennen – welches Vorwissen hat es schon zum Thema, wie lässt es sich am ehesten überzeugen? Die Redezeit, das Redeziel, der Redegegenstand und das Publikum bestimmen nun die Gliederung, die normalerweise folgende Punkte enthält: Eine geschickte Einleitung, die zum Thema hinführt, ein nicht zu langer Hauptteil, der die eigenen Argumente absichert, und ein ungewöhnlicher Schluss, der eine Forderung enthält.

Haben Sie vielleicht ein paar Best Practice-Tipps, welche Dinge in einer Rede immer funktionieren?

Zeichnung von Uwe Pache

Zeichnung von Uwe Pache

Beginnen wir mit dem Anfang: Sie begrüßen die Zuhörer und vergessen nicht, wichtige Persönlichkeiten im Publikum extra zu begrüßen. Sie stellen sich selbst vor, machen den Zuhörern ein Kompliment. Sie halten mit dem Publikum Smalltalk, z.B. eine kleine Bemerkung zur Raumtemperatur und dass Sie sich heute kurz halten werden. Sie nennen Ihr Thema und stellen dann heraus, warum dieses Thema für jeden einzelnen Zuhörer so wichtig ist. Dann nennen Sie Ihre Gliederung, erläutern die Regeln (wann gefragt werden darf) und legen los. Doch je länger der Redetext, desto variantenreicher muss gesprochen werden. Denken Sie an die Autobahn: Welche Autos fallen ihnen auf? Wahrscheinlich Oldtimer, fabrikneue Autos, sportliche Autos, bunte Autos, große Autos, schmutzige Autos. Benutzen Sie alte Wörter, Modewörter, bunte und schiefe Vergleiche, Großübertreibungen und zum Wachrütteln des Publikums – aber nur sehr sparsam dosiert – auch etwas ungehobelte Ausdrucksweisen, die aber nicht unter die Gürtellinie gehen sollten. A little bit of everything ist besser, als immer nur den gleichen Stil zu pflegen.

Wie bringt man das Publikum eigentlich zum Lachen? Mit einem abgedroschenen Witz läuft man ja schnell Gefahr, platt zu wirken …

Das Publikum lacht über seinen eigenen Irrtum. Es glaubt, schon die Antwort auf einen begonnenen Satz zu kennen, und muss dann erkennen, dass anfängliches Mitleid zu Hartherzigkeit wird, gespielte Sorge zu Gleichgültigkeit, gespielter Zorn zu Sympathie. Ein paar Themen für Witze sind Aberglaube, Eitelkeit, Dummheit, überstarker Hass, Pedanterie und Nachlässigkeit. Ein Redner macht jedoch keine Comedy! Er dosiert den Witz sparsam, um danach wieder ernst zu werden. Auch ein Witz muss einen Nutzwert erkennen lassen. Der Witz entsteht durch einen Kontrast, z.B. Lob für den Tadelswürdigen, abenteuerliche Vergrößerungen und Verkleinerungen, Verbindung des Großen mit dem Kleinen, Verwechslung der Verhältnisse zueinander. Bereits die Römer unter Cicero hatten schon eine sehr ausführliche Witztheorie: Sprüche, Wortspiele, scheinbare Dummheit, Ironie, Verzerrung und Anspielung sind Beispiele hierfür.

Welche Fehler sollte man unbedingt vermeiden?

Hauptfehler Nummer 1: Der Redner hat seinen Vortrag zwar niedergeschrieben, aber keinen Probelauf zu Hause gemacht. Er versucht, nach Stichwörtern zu reden, merkt dann während des Vortrags, dass es nicht funktioniert und liest dann verzweifelt nur das ab, was das Publikum schon auf dem Handout oder der Beamerleinwand sieht.

Zeichnung von Uwe Pache

Zeichnung von Uwe Pache

Hauptfehler Nummer 2: Der Redetext wurde nicht ins Mündliche umgeschrieben, sodass die Sätze zu lang und kompliziert verschachtelt sind. Achten Sie darauf, pro Satz nicht mehr als fünfzehn Wörter zu machen und dann einen Punkt zu setzen. Der Nebensatz sollte maximal vier Sekunden Redezeit beanspruchen. Wichtig ist auch die Verbstellung: Bringen Sie das Verb so früh wie möglich, d.h. Position 1 oder 2 im Satzgefüge. Aufpassen bei Perfektsätzen mit „haben“: Hier kommt das Verb erst zum Schluss. Dann lieber eine andere Zeitform wählen, z.B. Präteritum. Sie können auch mehrfach den Imperativ benutzen oder reihende Fragesätze. Wählen Sie in Nebensätzen auch andere Konjunktionen, z.B. „denn“ statt „weil“. Bei „denn“ steht das Verb an Position 2, bei „weil“ ganz hinten. Auch substantivierte Verben sind eine Möglichkeit, das Verb nach vorne zu ziehen. „Das Reden fällt vielen Leuten schwer“ ist einprägsamer als „Viele Leute können nicht reden.“

Wie geht man als Redner eigentlich mit Zwischenfragen um? Vor allem, wenn man eine freie Rede hält, kann man dabei ja recht schnell aus dem Konzept kommen…

Es kommt auf die Person des Fragestellers an. Ist es ein Höhergestellter? Dann sollten Sie die Frage sofort und ausführlich beantworten. Ist es ein Gleichrangiger? Dann können Sie auf die allgemeinen Spielregeln verweisen, dass Zwischenfragen erst zum Schluss gestattet sind. Leider ist es so, dass eine erste Zwischenfrage eine zweite Zwischenfrage nach sich zieht – und das oftmals von der gleichen Person, die dann auch noch eine dritte und vierte Frage anbringen möchte. Wichtige Dinge, die Sie später noch erwähnen wollten, werden bereits durch diese permanente Zwischenfragerei vorgezogen, sodass Sie sich der Überzeugungskraft Ihres eigenen Vortrags berauben.

Wie lasse ich eigentlich eine Person ins Leere laufen, wenn ich merke, dass mich diese als Redner angreifen möchte?

Der Zwischenrufer möchte mit seiner Frage oder Bemerkung möglichst intelligent wirken, also sollte man den anderen möglichst dumm aussehen lassen. Es ist äußerst dumm, so etwas zu sagen, und es ist dumm und gefährlich, mich bei meinen Ausführungen zu unterbrechen. Es ist auch eine Warnung an weitere Zwischenrufer: Pass auf, dass dir nicht dasselbe passiert. Deshalb gilt: Die Reaktion muss überraschend schnell kommen. Keinesfalls sollten Sie den Angriff überhören – sonst wird der andere nachlegen – oder sich selbst rechtfertigen – sonst wechselt man schnell in die ungünstige Position des Angeklagten. Zunächst sollten Sie die Frage ausgiebig loben: „Eine sehr interessante Frage, die Sie da stellen.“ Vom anfänglichen Lob wechseln Sie schnell in den Modus überharter Kritik. „Hätten Sie bei der letzten Diskussion besser aufgepasst, wüssten Sie vielleicht, dass wir schon längst…“  / „Hätten Sie sich über das Thema besser informiert, wüssten Sie vielleicht, dass wir…“ Auch die ironische Betroffenheit mit breitem Grinsen ist ein gelungener Konter:„Das trifft mich tief… mir kommen die Tränen.“ / Werten Sie den Gegner ab und trennen Sie ihn vom Rest des Publikums: „Wissen Sie, ich glaube ja nicht, dass diese Frage wirklich relevant ist für die heutige Diskussion, aber dann erkläre ich es nur für Sie allein, da es ja alle anderen im Publikum schon verstanden haben…“

Ist es aber ein Chef oder ein Kollege, mit dem ich noch über mehrere Jahre zusammen arbeiten werde, sollte die Antwort nicht auf schärfste  Weise formuliert werden, da ansonsten die Beziehung dauerhaft gestört sein kann.

Haben Sie den ultimativen Tipp für einen guten Schluss – also wie man seine Rede idealerweise beendet, um noch lange im Gedächtnis zu bleiben?

Hier gibt es verschiedene Möglichkeiten, die alle mit dem Buchstaben Z beginnen: Eine Zusammenfassung, eine Zeitreise in die Zukunft, ein Zitat bieten sich an. Gehen Sie zum Beispiel auf die Seite    www.zitate-online.de  und stöbern Sie dort thematisch nach klugen Sprüchen von bekannten Persönlichkeiten.

Und noch ein letzter Tipp für alle, die wie US-Präsidenten reden wollen: Auf der Seite http://www.cueprompter.com/  können Sie sich einen Teleprompter zum Nulltarif bauen. Damit sparen Sie 15000 Dollar – denn das würde die reale Variante mit unsichtbaren Spiegeln neben dem Redepult kosten.

Vielen Dank für das Interview und die vielen guten Tipps!

 

Zur Person: Uwe Pache

manUwe Pache, Jahrgang 1971, ist Autor des umfangreichen Rhetorik-Handbuchs „Souverän zum Erfolg: Perfekt vortragen und verhandeln“, das im Frühjahr 2017 im Autumnus Verlag in Berlin erschienen ist. Als Rhetoriktrainer, der auch die Fächer Deutsch, Englisch und Latein unterrichtet, ist er von Beruf leidenschaftlicher Dauersprecher und kennt die Herausforderung, gute Vorträge zu halten aus seiner langjährigen Berufspraxis.

 

 

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