Netzwerken im Uhrzeigersinn

Job-Speed-Dating als Freelancer – ein Selbsttest

Speed-Dating lässt sich nicht nur in Liebesdingen, sondern auch im Berufsalltag gut nutzen: Als Freelancer kann man im Uhrzeigersinn ideal Experten befragen oder einfach nur Netzwerken. Ein Selbsttest als Selfpublisher.

Spätestens seit der deutschen Kinokomödie „Shoppen“ ist das Speed-Dating salonfähig geworden: 18 Münchner Singles sitzen sich in einem grell beleuchteten, weißen Raum frontal gegenüber, um sich einen verbalen Schlagabtausch zu liefern. Das Ziel dieser Veranstaltung ist klar: Jeder will sich möglichst gut verkaufen, um den Herzbuben oder die Herzdame fürs Leben zu finden. Fünf Minuten hat jeder Film-Single die Gelegenheit dazu. Mehr nicht.

Mit diesem Bild im Kopf melde ich mich für mein erstes berufliches Speed-Dating an, das auf der Frankfurter Buchmesse  stattfindet. Eine knappe halbe Stunde Zeit, die meinen beruflichen Horizont als Selfpublisher erweitern soll. Der Vorteil: Ich will weder einen neuen Job, noch einen neuen Mann. Daher muss ich nicht sonderlich überzeugen, sondern darf einfach nur Wissen aufsaugen und möglichst viele Fragen stellen. „5 Autoren – 5 Experten – 5 Themen“, so der Titel meiner Speed-Dating-Premiere. Ich stehe auf der Autorenseite. Dazu bekomme ich jeweils fünf Minuten Zeit, um fünf Experten mit Fragen zu löchern. Die Zusage zu diesem Treffen flattert prompt in mein E-Mail-Postfach, nach einer kurzen E-Mail-Bewerbung.

Ein paar Tage später ist es soweit: Über viele Rolltreppen und Laufbänder tauche ich in die Welt der Frankfurter Buchmesse ein. Der Veranstaltungsort ist schnell gefunden: Direkt neben der Show-Bühne der Selfpublishing-Area. Dort sitzen andere Indie-Autoren, trinken Kaffee aus Pappbechern und hören ihren Kollegen auf der Show-Bühne zu, die „einfach irgendwie Glück hatten“ und einen Bestseller in Eigenregie gelandet haben.

Ich melde mich beim Information Desk. Der Moderator erklärt die Spielregeln kurz. Einander frontal gegenübersitzen? Das sei hier nicht vorgesehen. Autoren und Experten gruppieren sich zwar um einen großen Konferenztisch herum, jedoch sitzen alle Gesprächspartner-Duos nebeneinander. So soll die zwanglose Fach-Unterhaltung trotz Messen-Lärmpegel möglich sein, so die Idee. Gewechselt werde im Uhrzeigersinn, sagt der Moderator.

Alle Teilnehmer sitzen in Startposition am Tisch und warten. Oder, um korrekt zu sein: Fast alle. Dann ändert der Moderator die Spielregeln, da je ein Autor und ein Experte fehlen. Das macht faktisch mehr Zeit pro Fragerunde, also sechs Minuten für jeden Experten.

Es geht los. Meine erste Gesprächspartnerin arbeitet bei Tolino Media in München. Ich stelle viele Fragen, bekomme viele Antworten. Alles klingt sehr positiv: Tolino biete Autoren den kompletten Service. „Kostenfrei und ohne Vertragsbindung“, sagt Patricia Gentner, Senior Author Relations Manager bei dem Online-Unternehmen. Das klingt gut. Selfpublisher, die mit Tolino kooperierten, bekämen Marketing-Unterstützung, überhaupt arbeite man eng zusammen, sagt Gentner. Eine Werbeaktion sei beispielsweise, dass die E-Reader einer Kreuzfahrtgesellschaft von Tolino bestückt würden. Ich frage nach dem Haken an der Sache mit der Unterstützung. Zwar habe jeder Autor eine Chance, allerdings durchlaufe das Werk auch die Qualitätssicherung, bei der unter anderem die rechtliche Lage geprüft werde, so Gentner. Die Expertin hat auch einen Tipp für Autoren parat: Diese sollten unbedingt den Support von Tolino nutzen, sei es per E-Mail oder Telefon. „Wir sind immer ansprechbar“, sagt die Expertin.

Der Moderator hält mahnend eine Karte mit der Zahl „2“ hoch. Noch zwei Minuten, ehe die erste Fragerunde um ist. Ich grüble krampfhaft nach der ultimativen Frage, die mir erklärt, wie ich mit meinen E-Books beim Konkurrenten Amazon Kindle bekannter werden könnte. Dann ist auch schon die Zeit um. Noch drei Chancen.

Nun kommt Bewegung in die Runde: Die Selfpublisher wechseln die Stühle im Uhrzeigersinn, die Experten bleiben sitzen. Das Ganze beginnt von vorne: Ein paar Halbsätze zur eigenen Person, dann wechseln Visitenkarten die Besitzer.

Mein nächster Gesprächspartner ist nicht nur Rechtsanwalt, sondern engagiert sich auch beim Bundesverband junger Autoren und Autorinnen (BVjA): Tobias Kiwitt kennt sich mit den häufigsten rechtlichen Problemen aus, auf die Selfpublisher stoßen. Dazu gehören beispielsweise lange Vertragslaufzeiten. In der Praxis seien ihm bereits Verträge mit einer Laufzeit von fünf bis zehn Jahren untergekommen. Kiwitt schüttelt den Kopf. Das widerspreche dem Vorteil des relativ schnellen Veröffentlichens beim Selfpublishing. „Aus einem Vertrag müsse man daher relativ schnell wieder rauskommen“, sagt der Experte.

Viele Autoren würden zudem vergessen, dass die Rechte bei einem selbst liegen. Falls es rechtliche Probleme gäbe, etwa ein Textplagiat des eigenen Buches, so sollte man zunächst herausfinden, wer dahinterstecke. Dies könne man mithilfe des Impressums. Dann sollte man die entsprechende Person daraufhin ansprechen und gegebenenfalls anwaltlich abmahnen. Kiwitt hat noch einen Praxistipp parat: Social Media. Er kenne Autoren, die durchaus drei Stunden pro Tag (!) und länger in Facebook und Co. investieren. Nun ja.

Der Moderator mahnt zum Wechsel. Sechs Minuten sind vorbei.

Halbzeit. Meine nächste Speed-Dating-Partnerin, Carina Leberle, arbeitet im Projektmanagement des Online-Unternehmens neobooks mit Sitz in München. Ihr Tipp für Selfpublisher: „Social Media“. Besonders empfehlenswert sei die Gruppe „Zeilenspringer“ bei Facebook. Hier könne man auch andere Autoren nach ihrer Meinung fragen und Bücher vorstellen. Doch auch Lovelybooks sei gut geeignet, da hier viele Blogger dabei seien. „Wichtig ist, dass man ein Foto postet, etwa mit der Information, dass man gerade an einem neuen Projekt sitzt“, sagt Leberle. Für Fachautoren seien hingegen auch XING-Gruppen geeignet, zudem sollte man auf Visitenkarten oder in der E-Mail-Signatur vom eigenen Buch berichten. „Man sollte jede Möglichkeit nutzen, um auf das eigene E-Book aufmerksam zu machen“, empfiehlt die Expertin. Selbst wenn es am Anfang nur die eigenen Bekannten seien, die das Buch kaufen würden, so steige der Bekanntheitsgrad dennoch kontinuierlich.

Und abermals sind sechs Minuten vorbei. Der letzte Stuhl wartet auf mich.

Jördis Schulz ist Director Tolino Publishing und arbeitet ebenfalls in München. Ihr Tipp, wie man als Autor aus der Unsichtbarkeitsfalle rauskommt, lautet: „Durch XING“. Man könne auf dieser Plattform beispielsweise ein eigenes Webinar zum Thema Bücher oder Selfpublishing anbieten, rät die Expertin. Nur das Buch zu bewerben („Ich habe ein neues Buch herausgebracht….“) sei hingegen zu plakativ. „Viele vergessen, dass XING eine Plattform ist, auf der sich Viele informieren“, sagt Schulz. Bei Facebook könne man entsprechende Fachgruppen gründen, es müsse also nicht unbedingt die eigene Fanpage zum E-Book sein. Ihr Tipp: „Man muss Kompetenz in die Gruppe hineinbringen, also die Person in den Vordergrund stellen“. Schulz hat eine interessante Zahl für Non-Fiction-Autoren parat: Ungefähr 70 Prozent des Selfpublisher-Marktes entfielen zwar auf Belletristik, jedoch seien Sachbücher durchaus im Kommen.

Die Zeit ist um, die Teilnehmer lächeln zufrieden in die Runde.

Mein Fazit:

Angenehme 25 Minuten Small-Talk, in lebhafter Buchmessen-Atmosphäre und das Gefühl, mittendrin in der Welt des Selfpublishing zu sein. Was bleibt, ist das Bauchgefühl, das alles irgendwie schon einmal gehört zu haben. Sicher ist Social Media als Marketinginstrument elementar und wichtig. Doch was ist, wenn ich dafür eigentlich überhaupt keine Zeit habe? Diese Frage blieb nach vier Speed-Dating-Runden irgendwie im Raum stehen.

Eine Motivationshilfe war das Speed-Dating dennoch: Meine persönliche To-Do-Liste ist nun (weiter) angewachsen. Ich nehme mir vor, fürs Erste einige Autorengruppen wie Zeilenspringer bei Facebook zu besuchen und tatsächlich mal zu schauen, was die Kollegen so machen. Vielleicht liegt der Schlüssel zum Verkaufserfolg von E-Books für Selfpublisher wirklich darin?

Click Here to Leave a Comment Below 0 comments

Leave a Reply:

Treten Sie anderen Freelancer bei. Kommen Sie in die Liste, die verbindet!
x