2

Alles kann: Eindrücke vom Barcamp Pforzheim

„Wenn die Session nicht das ist, was Ihr erwartet, dann geht einfach leise raus“, sagt der Moderator bei der Vorstellungsrunde. Das klingt schon mal versöhnlich, denn ich weiß überhaupt nicht, was auf mich zukommt. Es ist mein erstes Barcamp, im Kreativzentrum Emma in Pforzheim. Ein umgebautes Hallenbad mit Blick auf die Enz und cooler Dachterrasse. Hier arbeiten Kreative, Künstler und Freelancer aus der Region, hier werden Co-Working-Spaces vermietet. Zwei Tage, mit Frühstück und cooler Party am Abend. Es ist nicht nur mein erstes Barcamp, sondern auch das erste in Pforzheim.

Das Thema des Barcamps: Offen. Alles kann, nichts muss. Das klingt erst mal gut, kann aber auch voll daneben gehen. Meine Bekannten waren im Vorfeld skeptisch: „Hast Du eigentlich zu viel Zeit? Mensch, da kann ja jemand kommen und will mit dir diskutieren, dass die Kartoffeln nicht in der Erde wachsen“.

Der Moderator reißt mich aus dem Grübeln: „Wer war noch nie auf einem Barcamp“?, fragt er in die Runde. Mehr als die Hälfte der Hände gehen nach oben. Für Barcamp-Neulinge gilt eine ungeschriebene Regel, dass diese eine Session machen müssen. Ok. Sie sollten eine machen, wiegt der Moderator ab. Ich atme auf, dass ich in der letzten Reihe sitze. Ein Teilnehmer fällt aus der Reihe. Er war schon auf 37 Barcamps. Alle klatschen.

Zuerst stellen sich beim Barcamp alle vor

Das Barcamp beginnt mit einer kurzen Vorstellung: Drei Stichworte zu mir sind gefragt, plus Twitter-Account. Die Teilnehmer stellen sich kurz vor: Einige Rentner, eine Katzenmama, IT-Experten, Studenten, Grafiker, Heilpraktiker, Journalisten, Bankangestellte, Unternehmer, Neugierige und Co.

Die Teilnahme als Vortragender einer Barcamp-Session ist denkbar einfach: Wer etwas machen möchte, füllt einfach ein A5-Blatt aus, das auf dem Stuhl ausliegt. Darauf müssen Sessiontitel, Beschreibung und Name ausgefüllt werden. Zudem muss das Präsentationsformat angekreuzt werden: Vortrag, Diskussion, Frage/Austausch, Workshop/Spiel und Sonstiges. Die Vortragenden stellen sich mit ihrem Formular in eine Reihe und skizzieren ihr Barcamp-Thema kurz.

Jedes Thema kann vorgeschlagen werden

Das erste vorgeschlagene Thema auf dem Podium ist regional: „Wie kann Pforzheim schöner werden?“, will die Referentin von den Teilnehmern wissen. Einige Hände gehen nach oben. Ok, ein kleiner Raum reicht für die Anzahl der Interessenten, so die Organisatoren.

Das zweite Thema: „Effektive Mikroorganismen als großartige Helfer für Mensch und Umwelt“, schlägt eine weitere Teilnehmerin vor. „Wenn jeder damit ein bisschen arbeitet, kann man viel für sich und die Umwelt tun“, sagt sie.

„Twitter ist mein Ding“, sagt ein weiterer Barcamp-Teilnehmer auf dem Podium. „Strukturiert Twittern vom Follower zum Fan, für Neulinge und Fortgeschrittene“. Das Thema findet viele Anhänger.

Dann geht es um die Datenschutzverordnung 2018 oder um die Verknüpfung von Design und Fachwissen. Um Agilität in Unternehmen mit technischen Produkten und komplizierten Produktionsprozessen. Oder um Gründe, warum man sich morgens aufs Aufstehen freuen sollte – vorgetragen von einem Freelancer und einem Angestellten, die sich erst beim Barcamp-Frühstück am Morgen kennengelernt haben. Es geht um hochsensible Freelancer und Angestellte, um Künstliche Intelligenz, um das Leben mit Defibrillator und Herzklappe. Oder darum, was uns die Versicherungen nicht sagen. Um Design von der Stange, das im Internet schon ab fünf Euro zu bekommen ist – und wo das hinführt. Um IT-Sicherheit und Cyber-Security oder um das Betriebssystem Linux.

Meine Themen sind beim Barcamp auch dabei

Und natürlich sind Themen dabei, bei denen ich als Journalistin und Übersetzerin auflebe: „Wie macht man Podcasts“ oder „Ich will mich mit Menschen austauschen, die mindestens drei Sprachen sprechen“. Es geht um Instagram für Einsteiger und ja, um digitale Nomaden, die ortsunabhängig arbeiten – sogar auf den Französischen Antillen, dank Europa-Flat fürs Internet und billigen AirBnB-Unterkünften. „Ihr habt es in der Hand, macht was draus“, sagt der Moderator.

Meine anfängliche Euphorie für die Barcamp-Themen wird prompt gedämmt: Vier von sechs Themen, die mich interessieren, finden parallel zueinander statt. „Ja, das ist immer so bei Barcamps“, meint eine Teilnehmerin, die sich am Aushangsbrett ihre Sessions herauspickt.

45 Minuten dauert jede Session, vier finden jeweils parallel zueinander statt. Dazwischen gibt es vegane Kürbissuppe und regionale Spezialitäten wie Kässpätzle und Linsen mit Spätzle, ebenfalls fleischlos. An kleinen Stehtischen geht die Unterhaltung in den Pausen weiter. Barcamper plaudern miteinander, die sich sonst vermutlich nie kennengelernt hätten, da sie aus anderen Welten – pardon – Branchen stammen.

Lohnt sich ein Barcamp? Ja!

Nach fünf Sessions raucht mein Kopf. Die sechste lasse ich an mir vorbeiziehen. Stattdessen ziehe ich meine persönliche Bilanz: Ich habe nach meinem ersten Barcamp einige Visitenkarten mehr in der Tasche, eigene weniger, ein paar spannende neue Leute kennengelernt und ein Barcamp-T-Shirt in dunkelgrün mit Tannenlogo. Die Kids finden es cool.

Vor allem habe ich jedoch eins: Reichlich Motivation, bald mal ein eigenes Podcast online zu stellen. Und meinen Twitter-Account aus dem Dornröschenschlaf zu holen. Und mir ein paar Sprachlern-Systeme anzuschauen. Und ja, die Motivation, beim nächsten Barcamp auch mal ein Thema anzubieten. Oder auch nicht.

Mehr Infos zum Barcamp Pforzheim.

Der 1. Barcamp Pforzheim 2017 bei Twitter: #bcpf17

Click Here to Leave a Comment Below 2 comments
Friedel - last month

Vielen Dank für den Erfahrungsbericht!

Der Twitter-Link zeigt auf die Hauptseite, der passende “Deep-Link” zum Hashtag ist https://twitter.com/search?q=%23bcpf17

Reply
    Veronika - 3 weeks ago

    Danke Friedel, ich übe noch! Bin auf alle Fälle im Twitter- und Barcamp-Fieber 😉

    Reply

Leave a Reply: